Zeitzeugen an der Jacob-Grimm-Schule

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Fördern der Erinnerungskultur - Zeitzeugen an der Jacob-Grimm-Schule

Franz Michalski„Im letzten Jahr waren wir an 44 Schulen“, sagt Petra Michalski und ihr Mann Franz nickt bestätigend. Die beiden rüstigen Wahlberliner sind Zeitzeugen des NS-Regimes. Als Kind musste Franz Michalski vor den Nationalsozialisten fliehen - weil seine Mutter Jüdin war. Überlebt hat seine Familie durch die Hilfe von sogenannten „Stillen Helden“ - Menschen, die ihr eigenes Leben riskierten, um das von jüdischen Mitbürgern zu retten. Vor über zehn Jahren entschied sich das Ehepaar, die Kindheitsgeschichte von Franz publik zu machen, um so an den Nationalsozialismus zu erinnern und die „Stillen Helden“ der Familie zu ehren. Seitdem gehen sie an Schulen, aber auch in andere öffentliche Einrichtungen, um zu erzählen. Von einer Vergangenheit, die für viele Deutsche unvorstellbar ist. Von der Menschlichkeit ihrer Helfer, die heute als Helden bezeichnet werden, weil sie humanitäre Hilfe in einer emotional kalten Zeit leisteten. Davon, dass man auch heute helfen sollte, wenn ein Mensch in Not ist. Sie erzählen von Flucht, von der Dresdner Bombennacht und wie Franz Eltern die Nazis so austricksten, dass sie stets entkommen konnten.

Petra MichalskiWährend die Michalskis sprechen, ist es still in der Turnhalle der Jacob-Grimm-Schule. Es ist Freitagmittag kurz vor Schulschluss. Wäre nun Unterricht, wären die ersten mit ihren Gedanken bereits im Wochenende und nicht bei historischen Fakten ihres Geschichtsunterrichtes. Doch nun lauschen rund 250 Ohren gebannt Petra Michalski, die die Kindheitsgeschichte ihres Mannes erzählt, da dieser aufgrund eines Schlaganfalls nur eingeschränkt sprechen kann. „Bubi“ wurde er damals genannt, heute sitzt der 83-jährige „Bubi“ lächelnd neben seiner Frau und erinnert sie, wenn sie etwas vergessen hat zu erwähnen. „Bubis“ Kindheit war geprägt von Angst, von Kummer und von Bedrohung. Immer unterwegs, um nicht deportiert zu werden. Franz Michalski, der an diesem Freitag aus Berlin in die Jacob-Grimm-Schule gekommen ist, merkt man die Erfahrungen der Kindheit nicht an. Die Michalskis strahlen eine innere Stärke und äußere Herzlichkeit aus, die sich wie eine Oase der Menschlichkeit auf die Schüler überträgt. Als die Klingel den Schulschluss einläutet, bleiben alle sitzen und stellen weiter Fragen. Am Ende bedankt sich das Ehepaar Michalski bei den Schülern für ihre Zeit und die Schüler geben den Dank zurück. Denn an diesem Freitagmittag kurz vor dem Wochenende haben 200 Schüler nicht nur etwas über die Geschichte, sondern auch viel über Menschlichkeit und vielleicht auch über sich selbst gelernt.

 

Text und Fotos: Maelene Carlotta Lindgren (Q4)