Gedankensplitter - Auschwitz... und ich

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IMG 0917… das kann als Überschrift über die Gedanken und Gespräche zu einer einwöchigen Exkursion nach Auschwitz/Oświęcim stehen, zu der eine neunzehnköpfige Schülergruppe der Jacob-Grimm-Schule unter der Leitung von Stephanie Schulze, Maria Eichner und Annabelle Weyer während der Projektwoche aufbrach.
Am ersten Tag befasste sich die Gruppe im Rahmen einer Führung durch das Stammlager I intensiv mit der Geschichte und Organisation des Konzentrationslagers Auschwitz. Am Nachmittag folgte dann eine Führung durch die Stadt Oświęcim und die Auseinandersetzung mit dem langen Abschnitt jüdischen Lebens in der Stadt vor der Errichtung des Lagers. Der Kontrast zwischen der fünfhundertjährigen jüdischen Tradition der Stadt und der Auslöschung allen jüdischen Lebens in den kurzen Jahren des Holocaust, die Ausstellungsstücke in den einzelnen Blöcken im Stammlager, die Shoa-Ausstellung, die jüdisches Leben vor der Herrschaft der Nationalsozialisten zeigt, gaben Denkanstöße und führten zu intensiven Gesprächen in der Auswertung am Abend, viele Gedankensplitter in Bezug auf den Umgang mit Ausgrenzung und dem Fremden in der Gegenwart wurden ausgetauscht.
Ein neuer Blickwinkel auf die Geschehnisse im Lager wurde den Teilnehmern am nächsten Tag in der Kunstausstellung eröffnet, bei der Auftragskunst der SS, aber auch Portraits und kleine Arbeiten, die die Häftlinge im Geheimen angefertigt hatten, gezeigt wurden. Insbesondere das Bedürfnis der Opfer nach der Sichtbarmachung des Einzelnen, dem Erhalt des Ichs im Stammlager und in Birkenau vor dem Hintergrund des unvorstellbaren Genozids und der Entmenschlichung, kristallisierte sich dabei als ein wesentlicher Aspekt bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Auschwitz heraus, viele Gedankensplitter zu einzelnen Schicksalen standen hier im Vordergrund.
Einen ganz persönlichen Zugang zum Thema konnten die Jugendlichen am Nachmittag durch das Gespräch mit dem Zeitzeugen Wacław Długoborski erhalten, der als einer der letzten Überlebenden von Auschwitz von seinem Leben in der Zeit als politischer Häftling in Birkenau berichtete. Abends gab es die Möglichkeit, diese Eindrücke in der Bibliothek der Jugendbegegnungsstätte anhand von Akten und Dokumenten zu Zeitzeugenaussagen zu vertiefen. Besonders durch diese Tageseindrücke wurde noch einmal der Blick für die verschiedenen Opfergruppen und deren unterschiedliche Situationen geschärft.
Mit diesen Eindrücken des Vortages nahm die Gruppe am Donnerstag an einer dreistündigen Führung durch Auschwitz-Birkenau teil. Besonders die schiere Größe des Geländes, aber auch die Fotografien in der sogenannten Sauna oder die Zeichnungen im Kinderblock hinterließen einen tiefen Eindruck. Am Nachmittag erfolgte dann eine sehr individuelle Reflexion der Woche, die in Form eines Workshops Raum gab für die Emotionen der Jugendlichen, wie Erschütterung, Leere, Wut, Trauer, Unverständnis über die Situation, für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Gegenständen von Individuen einerseits und der unfassbaren Größe des Holocausts und der Entmenschlichung andererseits. Abschließend wurde die Bedeutung der Konfrontation der Gruppe mit diesem Ort für die eigene Erinnerung und Zukunft diskutiert, viele Gedankensplitter wurden formuliert, die teilweise erst in den Wochen nach der Fahrt reflektiert, sortiert und der Schulgemeinde in Form einer kleinen Ausstellung nähergebracht werden sollen. Den Titel für diese ergab sich aus dem Austausch der Schülerinnen und Schüler, da so zahlreiche Eindrücke entstanden, vieles nur bruchstückhaft zu erfassen ist, immer wieder neue Fragen auftauchen und so viele Facetten bestehen, dass die Wahrnehmung des Ortes Auschwitz sich langsam in Teilen zusammenfügte und es doch kein Ganzes ergab. Auf diese Weise nahm jeder seine ganz eigenen „Gedankensplitter“ mit nach Hause. 

Gefördert wurde die Fahrt durch die Stiftung „Erinnern Ermöglichen“ sowie durch die Hessische Landeszentrale für politische Bildung.

Text: Maria Eichner/Annabelle Weyer

Fotos: Ludwig Kowal (Q4)

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