Das Fragezeichen im Kopf – Grimm Forum zur Deutungsmacht der Wissenschaften

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DSC 0281Fakt oder kein Fakt? Mit dieser Frage eröffneten die JGS-Schülerinnen Charlotte Wöllenstein und Emma Wünsche das Grimm Forum Ende Februar und überraschten das Publikum zunächst mit wahren und falschen Behauptungen aus den Bereichen Alltag, Biologie und Technik. Mit grünen oder roten Karten musste dieses seine Zustimmung oder Ablehnung bekunden, die Auflösung erfolgte prompt. Dabei ertappte sich der eine oder andere Zuhörer schon einmal bei einer falschen Antwort.
Nach diesem Auftakt konfrontierten die Schülerinnen und Schüler des Grundkurses Ethik (Q2, Leitung Heike Haschen) die Wissenschaftshistorikerin Dr. Marion Hulverscheidt und den Philosophen Dr. Dirk Stederoth mit ihren kritischen Fragen zur Deutungsmacht wissenschaftlicher Fakten (Moderation: Johannes Ander, Tabea Freund, Nella Hoberger, Jan-Hendrik Stange). 

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Während sich Dirk Stederoth der Frage stellte, ob ethische Urteile nicht auch Geschmacksurteile sind, und er mit den Abiturienten über die Frage nachdachte, ob es sittliches Wissen gibt, stellte der Leistungskurs Physik (Q2, Leitung Dr. Thorsten Meyfarth) den naturwissenschaftlichen Erkenntnisweg vor und sinnierte in der Manier Galileo Galileis beim Nachdenken über herabfallende Äpfel darüber, ob es in der Naturwissenschaft denn überhaupt noch Platz für Subjektivität gebe. Dr. Marion Hulverscheidt stellte in diesem Zusammenhang historischen Persönlichkeiten wie Galilei das heutige Denkkollektiv gegenüber, das auch von seinem zeitlichen Kontext abhängig sei, und dachte dabei mit den Jugendlichen über den Anspruch nach, die Wahrheit finden zu wollen, denn Antworten seien immer durch die gegebenen Möglichkeiten begrenzt.

DSC 0340Nachdem der Physik-leistungskurs die Ent-wicklung des geo-zentrischen Weltbildes anschaulich den Zuhörern nähergebracht hatte, diskutierten die Schülerinnen und Schüler mit den beiden Referenten über die Relevanz wissenschaftlicher Fakten für das eigene Leben sowie die Möglichkeiten und Gefahren der Weiterentwicklung von Wissenschaften, vor allem im Bereich der Medizin. Hulverscheidt verwies dabei auch auf den Zusammenhang von Geistes- und Naturwissenschaften, da sich erstere auch der letzteren bedienten, der Anspruch der Objektivität wiederum aus den Geisteswissenschaften käme. Man dürfe nicht vergessen, dass Kategorien wie die Wahrnehmung immer subjektiv blieben und die absolute Wahrheit ein Ideal sei.

DSC 0351Am Ende durfte natürlich das Wort des Jahres 2016 nicht fehlen: „postfaktisch“. Dieser Begriff, so Hulverscheidt, sei ein gesellschaftspolitischer Kampfbegriff und als politische Strategie eine Gefahr. Mit Appellen im Sinne Kants wurden die Besucher des Grimm Forums, das durch den Förderverein der Jacob-Grimm-Schule unterstützt wird, in den Abend entlassen: Man müsse mit einem Fragezeichen im Kopf durch die Welt laufen und einen klaren Kopf bewahren, erklärte Stederoth. Hulverscheidt appellierte daran, sich selbst zu überprüfen und kritische Fragen zu stellen. Damit standen am Ende zwar viele Fragen im Raum, doch genau dieses Ziel verfolgten auch die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Leitfrage: „Glaub` ich das oder weiß ich das?“, die Hulverscheidt am Ende beantwortete: „Wir wissen zwar viel, aber wir glauben auch viel…“

 

Fotos: Lukas Joop, Niels Malte Bennefeld

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