Zeitzeugengespräch mit Agnes Stieda

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Agnes 2021„[…] Danke, dass Sie uns Ihre persönliche Geschichte erzählt haben. […] Ihre Geschichte zu hören, war wirklich sehr berührend und beeindruckend. […] Ich denke, dass ich jetzt für jeden Einzelnen hier spreche, wenn ich sage, dass jeder Einzelne etwas aus Ihrer Geschichte herauszieht und mit in sein eigenes Leben nimmt. […]“ Dieser Auszug aus den Abschlussworten einer Schülerin des Leistungskurses Geschichte des Abiturjahrgangs an der Jacob-Grimm-Schule (Leitung: Anne Nitsch) brachte die Eindrücke nach dem digitalen Zeitzeugengespräch mit Agnes Stieda auf den Punkt. 90 Minuten saßen vor allem Schüler*innen der JGS, aber auch einige Kolleg*innen abends zuhause vor dem Bildschirm und folgten den Worten von Agnes Stieda, die vor ihrem Computer in Victoria (Kanada) saß. Die 94-Jährige berichtete über ihre Jugend im Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit und ihr Leben danach, nachdem sie in der 1950er Jahren nach Kanada auswanderte. Ihre Mutter, Susanne Vogel, galt als „Jüdin“ nach der NS-Rassenlehre, obwohl sie sich zum Christentum bekannte. Damit wurde die Tochter Agnes als „Mischling 1. Grades“ bezeichnet, auch wenn sie in protestantischem Glauben erzogen wurde, womit Mutter und Tochter Diskriminierungen und später auch der Verfolgung ausgesetzt waren. Agnes Vater, Hans Vogel, verlor aufgrund seiner sogenannten „Mischehe“ seine Anstellung in Kassel - die Familie lebte dort seit 1929 - , nach dem Krieg konnte er jedoch, wie seine Familie auch, wieder nach Kassel zurückkehren und war 1946 bis 1961 Leiter der Staatlichen Kunstsammlungen dort.

Anlass des Zeitzeugengesprächs war die jüngst erfolgte Herausgabe der Schriften und Tagebuchaufzeichnungen Susanne Vogels durch Julia Drinnenberg und Gabriele Hafermaas, die auch im Rahmen einer musikalischen Lesung im September vorgestellt wurden. Julia Drinnenberg, Leiterin der Abteilung Judaica im Hofgeismarer Stadtmuseum, hatte zusammen mit der Fachleiterin Geschichte an der Jacob-Grimm-Schule (JGS), Annabelle Weyer, die Veranstaltung organisiert.
Die Schüler*innen des Geschichtsleistungskurses hatten sich intensiv mit der Biografie von Agnes Stieda beschäftigt sowie Akten im Archiv der JGS gesichtet, da Agnes in der Nachkriegszeit Schülerin an der JGS war, und Fragen vorbereitet. Somit hatten die Zuhörer*innen noch einmal einen besonderen Bezug zu dem Erzählten.
Mit großem Interesse, Spannung, aber auch Betroffenheit folgten die rund 70 Zuhörer*innen per Videokonferenz den Worten der Zeitzeugin, die von ihrer zunächst recht unbeeinträchtigten Jugend in Kassel, dem Umgang ihres Umfeldes mit der NS-Ideologie, der Aufklärung durch ihre Eltern über ihre Kategorisierung als „Halb-Jüdin“ nach NS-Rassenlehre, dem umfassenden Schutz durch ihre Eltern, der Zeit im Bund Deutscher Mädel und im Internat in der Schweiz erzählte, das sie 1939 verlassen musste, als sich die Familie nach Schlesien, zum eignen Schutz, zurückzog, wo die Zeit des „Versteckens“ begann. Eindrücklich berichtete sie den Jugendlichen von der Nachkriegszeit mit Armut, Hunger, Kälte und Trümmerbeseitigung als Schülerin, aber auch dem Umgang mit ihr als sogenannter „Halbjüdin“, was zeigte, dass die Ideologie der Nationalsozialisten noch nicht nach 1945 aus den Köpfen verschwunden war.
Dabei blieben die Fragen der Schüler*innen aber nicht stehen, die sich auch sehr für Agnes Stiedas weiteren Lebensweg und ihre Wahrnehmungen damals und heute interessierten. Viele Zuhörer*innen machten an diesem Abend mit neuen Informationen, Eindrücken, aber auch mit neuen Fragen den Bildschirm aus, was zeigt, wie wichtig das Gespräch mit den noch Lebenden ist, die diese unvorstellbare Zeit miterlebt haben. Auf diese Weise konnten die JGS-Schüler*innen einen kleinen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung leisten.

Text: Annabelle Weyer
Foto: mit freundlicher Genehmigung von Agnes Stieda

Literaturverweis: Julia Drinnenberg/Gabriele Hafermaas (Hg.): Doch noch wandl´ ich auf dem Abendfeld…, - Susanne Vogel, Schriften und Tagebuch, Euregioverlag Kassel, 191 Seiten, 19,90 Euro.