Holocaustgedenken 2022

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Holocaustgedenken 2022

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Am 09.02.2022 haben Schüler*innen zum gemeinsamen Gedenken an die Gräueltaten des Holocaust aufgefordert. Die Planung der Gedenkveranstaltung war das Ergebnis eines Projektes im Rahmen der diesjährigen Projektwoche, die unter dem Motto "Kulturelle Vielfalt" stattfand. Zur Vorbereitung hat sich die Projektgruppe, zu der Lola Blume, Leo Maeckel, Elisa Ladage gehören, im Sara-Nußbaum-Zentrum über jüdisches Leben in Kassel informiert. Außerdem besuchte die Gruppe eine Aufführung des Theaterstücks "Mädchentreu", in dem die Rolle von Frauen in der rechten Szene beleuchtet wird. Nach der Recherche zu unserer Schule und ihrer Vergangenheit entstand dann die unten stehende Rede. In einer etwa 15 minütigen Versammlung auf dem Schulhof wurde gemeinsam auch der Vergangenheit unserer Schule gedacht. Dabei geht es nicht darum, eine diffuse "Schuld" für Geschehenes anzunehmen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und die Entschlossenheit, vergleichbare Geschehnisse sich nicht wiederholen zu lassen, standen im Mittelpunkt der Veranstaltung. Den musikalischen Rahmen gestalteten Amelie Urbassek, Lasse Becker und Mela Kirschke. Im Folgenden ist die Rede nachzulesen.

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"Erinnert Ihr Euch noch an den Tag, an dem hier auf dem Schulhof die Deutschlandflagge auf Halbmast hing? Auf mich machte es einen komischen Eindruck, die Deutschlandflagge auf unserem Schulhof zu sehen. Ein Mitschüler erklärte mir, das lägean dem Amoklauf, der ein paar Tage zuvor in Heidelberg stattfand. Erst durch die Durchsagen erfuhren wir den wirklichen Grund: An diesem Tag vor 77 Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrationslanger Auschwitz. Ich fand es erschreckend, dass wir das zuvor nicht wussten und ich denke, dass es einigen von Euch ähnlich ging. 

Doch vor etwa 81 Jahren begann die systematische Ausgrenzung, Deportierung und Ermordung von Juden, Sinti und Roma aber auch einfach Andersdenkenden. Was hat das Ganze nun mit meiner Generation und mit mir zu tun? Schließlich waren es meine Urgroßeltern, die diese Verbrechen begingen oder sie möglich machten.

Nein, ich trage keine Schuld an dem, was meine Vorfahren taten. 

Ja, ich trage Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder geschieht. Und das bedeutet nicht zu vergessen, was in Deutschland, in Hessen, in Kassel und an der JGS geschah.

Zitat: „Der Glaube an den Wert des Blutes und an den Wert der germanischen Rasse ist die Urvoraussetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung.“

Dieses Zitat stammt aus einem Deutschlesebuch, aus welchem auf dieser Schule unterrichtet wurde. Jeder hier trägt Verantwortung genauso wie unsere Schule. Unser damalige Schulleiter Dr. Wilhelm Friedrich errichtete hier auf dem Schulhof eine Büste von Hitler. Sie war ein Geschenk zum neuen Namen der Schule „Jacob-Grimm-Schule“. Auch er war Mitglied der NSDAP und des nationalsozialistischen Lehrerbunds. Er veranlasste ebenfalls die Schulverweise von Jüdinnen, da die Schule nur für Töchter des gehobenen Bürgertums sei. 

Wir müssen aus unserer Vergangenheit lernen und dürfen die Geschichte sich nicht wiederholen lassen!

Wir müssen uns die Geschichten der Betroffenen immer wieder ins Gedächtnis rufen. 

Sara Nussbaums Geschichte hat mich sehr beeindruckt, weil die Güte dieser Frau endlos scheint. Sie kümmerte sich, selbst als Jüdin interniert, um schwer kranke Mithäftlinge im Konzentrationslager Theresienstadt. Sie opferte sich über viele Jahre für andere Menschen auf.Ein Sammelzug, der eigentlich in ein Vernichtungslager fahren sollte, brachte sie überraschend in die Schweiz. Als Einzige entschied sie sich im hohen Alter nach Kassel zurückzukehren. Zurückzuehren in die Stadt, aus der sie vertrieben wurde. Sara Nussbaum erhielt keine Wiedergutmachung und starb in Armut. 

Wir stehen heute hier, weil wir anfangen müssen, für die zu sprechen, deren Stimmen weniger werden. Um Menschen wie sie nie zu vergessen. Wir müssen antisemitischem und rassistischem Denken mit Entschiedenheit entgegentreten.

Um den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken, lasst uns nun gemeinsam schweigen."

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Fotos: Lara Likci

Text: Meike Bachmann