"Nie vergessen" - Stolpersteine in Kassel (Lesung)

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Lesung: „Nie vergessen - Stolpersteine in Kassel | Portraits von Menschen“ mit HNA-Journalistin Christina Hein


DSC09203Sie sind oft nur eine Randnotiz in unserem Alltag, jeder ist ihnen in Kassel vermutlich schon begegnet, doch nur die wenigsten wissen, was hinter den kleinen, goldenen Steinen mit Namen und Lebensdaten längst verstorbener Menschen wirklich steckt. Dies zu ändern, hat sich die HNA-Journalistin Christina Hein zur Aufgabe gemacht. In ihrem Buch „Nie vergessen - Stolpersteine in Kassel | Portraits von Menschen“ versucht sie den Namen, die auf den von dem Künstler Gunter Demnig verlegten Stolpersteinen zu finden sind, lebendige Biografien zur Seite zu stellen. In ihrer Lesung vor mehreren Geschichtskursen der Jacob-Grimm-Schule (JGS) trug Christina Hein Auszüge aus ihrem Werk vor. Nach einer kurzen Einführung, in welcher sie speziell über die Stolpersteinverlegung in Kassel durch den Verein „Stolpersteine in Kassel e.V.“ berichtete, stellte sie den Abiturientinnen und Abiturienten die Portraits fünf junger Menschen vor, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Eines dieser Schicksale ging den Jugendlichen besonders nahe, handelte es sich hierbei doch um einen Schüler des Realgymnasium 2, auf dessen zerbombten Überresten die Jacob-Grimm-Schule errichtet wurde. Wolfgang Schönfeld wohnte in der Wilhelmshöher Allee 320. Obwohl er der Sohn eines Mannes mit jüdischer Mutter war, also nach der menschenverachteten Ideologie der Nationalsozialisten als „Mischling“ galt, trat er freiwillig in die Wehrmacht ein. Als dieser „Makel“ bekannt wurde, wurde er jedoch wieder aus der Armee ausgeschlossen und verbrachte sein Leben an verschiedenen Orten in Deutschland. In Erfurt lernte er dann die Liebe seines Lebens kennen, wurde jedoch kurz darauf verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Auf unbekannte Weise konnte er dem Lager entkommen und kehrte in seine Heimatstadt Kassel zurück, wo er sich eine Weile verstecken sollte. Ausgerechnet als er seine Geliebte vom Kasseler Hauptbahnhof abholen wollte, wurde er dort von der Polizei gefasst und an die Gestapo ausgeliefert. Wenige Stunden später wurde er auf dem Friedhof Wehlheiden von eben dieser ohne Prozess bei einer Massenhinrichtung ermordet.
DSC09216Zahlreiche solcher Schicksale haben sich damals ereignet und das an Orten, an denen unser tägliches Leben stattfindet. Das Buch von Christina Hein bildet daher eine hervorragende Ergänzung zu dem Kunstprojekt „Stolpersteine“ und ist dankenswerter Weise nun auch in der Bibliothek der JGS vorzufinden. Zudem stellte die Autorin der Schule ein Exemplar des Werkes „In meiner Tasche“ zur Verfügung, in der eine Überlebende der Verfolgung durch das NS-Regime, deren Biografie auch in dem Werk zu finden ist, über ihre frühe Flucht per Kindertransport nach Schottland berichtet.
Die Schülerschaft der JGS bedankt sich bei der Autorin und empfiehlt, einen Blick in die Bücher zu werfen, um das Gedenken an die Opfer des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte aufrechtzuerhalten.


Text: Jonas Schindehütte und Lara Bialecki (Q4), redaktionelle Überarbeitung: Annabelle Weyer
Fotos: Jannik Heidrich (Q4)