Gedenken gestalten

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Waren Sie schon einmal auf einem Kriegsgräberfriedhof? Auch für etwa 40 Schüler:innen der Jacob-Grimm-Schule (JGS) war das eine neue Erfahrung. Aber nicht nur der Besuch des Russischen Kriegsgräberfriedhofs Niederzwehren war für viele etwas Neues, sondern auch selbst Teil des Gedenkens und Erinnerns an den Ersten Weltkrieg zu werden. Doch der Reihe nach. 

Schon seit Längerem finden Kooperationen zwischen der JGS und dem Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. bei Veranstaltungen und Projekten statt, so etwa bei einer Ausstellung zum Ersten Weltkrieg im Frühjahr 2022 im dritten Lichthof der JGS. Ein neueres Projekt des Volksbundes, zu dem die Schüler:innen nun ihren Beitrag geleistet haben, ist die Erkundung des Russischen Kriegsgräberfriedhofs Niederzwehren, in deren Anschluss die Schüler:innen von Gedenktontafeln für verstorbene russische Kriegsgefangene aus dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager in Niederzwehren erstellt haben. Dazu fuhren am 20.07.2022 etwa 40 Schüler:innen der Geschichtsgrundkurse der Q 2 von Frau Nitsch und Herrn Huscher mit der Bahn zum Kriegsgräberfriedhof nach Niederzwehren, wo sie von Frau Dr. Dodenhoeft und Frau Bartsch vom Volksbund empfangen wurden. Unter der Leitung von Frau Dr. Dodenhoeft erkundeten die Schüler:innen zunächst den angrenzenden britischen Kriegsgräberfriedhof, der einen ganz eigenen Eindruck auf die Schüler:innen hinterließ. Im Gegensatz zum britischen gibt es auf dem russischen Kriegsgräberfriedhof kein individuelles Gedenken mit eigenen Grabsteinen für jeden Bestatteten. Die parkähnliche Anlage des russischen Kriegsgräberfriedhofs, auf dem etwa 1000 zumeist russische Kriegsgefangene aus dem benachbarten ehemaligen Kriegsgefangenenlager beigesetzt sind, hat einen zentralen Gedenkstein für alle Bestatteten sowie einen älteren Gedenkstein für verstorbenes Lagerpersonal, ein Ginko, gepflanzt vom Volksbund, mahnt seit 2018 zum Frieden.

Dass auf diesem Kriegsgräberfriedhof kein individuelles Gedenken an die bestatteten Soldaten stattfindet, fiel den Schüler:innen sofort auf, denn sie waren es, die ihren Beitrag für eine Veränderung diese Zustandes leisteten. An diesem Punkt setzt nämlich das Tontafel-Projekt des Volksbundes an: Nach der Erkundung des Friedhofs ging die eigentliche Arbeit für die Schüler:innen erst los. In der Schule angekommen, führte Frau Dr. Dodenhoeft die Schüler:innen einerseits in das Lesen von Sterbeurkunden ein, aus denen die Schüler:innen Namen, Alter und Herkunft der verstorbenen Kriegsgefangenen entnehmen konnten. Andererseits machte sie  ihnen vor, wie sie aus etwa einem Kilogramm Ton eine glatte, flache und rechteckige Tontafel fertigen konnten, in die anschließend die aus den Sterbeurkunden entnommenen Angaben eingeritzt wurden. Nach mehrmaligem Walzen, Glattziehen, Umformen und Abschneiden waren bei hochsommerlichen Temperaturen etliche Tontafeln für verstorbene russische Kriegsgefangene entstanden. 

Nachdem die Tontafeln getrocknet und gebrannt worden sind, werden die Schüler:innen ihre Werke wahrscheinlich im kommenden Jahr auf dem Kriegsgräberfriedhof sehen können. Dann nämlich sollen sie dort, im Beisein der Schüler:innen, Lehrkräfte und weiterer Interessierter an einer Gedenkwand angebracht werden. 

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Text: Christopher Huscher

Fotos: Anne Nitsch und Christopher Huscher